Berlinale 2025 –
Zwischen politischem Anspruch und Glamour – Auf der Suche nach einer neuen Identität
75. Internationale Filmfestspiele Berlin 2025 – eine Bilanz von Peter Huth
Bildrechte©: 1_Gewinner Goldener Bär_ Dirk Michael Deckbar
Berlin. Mit der Vergabe des „Goldenen Bären“ an norwegischen Wettbewerbsbeitrag DRØMMER – Dreams (Sex, Love) von Dag Johan Haugerud sind am 22. Februar die 75. Internationalen Filmfestspiele in Berlin zu Ende gegangen. Durchaus mit einer Überraschung der Jury den Hauptpreis nicht an eine politische Dokumentation oder ein besonders sperriges Stück Filmkunst zu vergeben, sondern für eine leichtfüßige, warmherzige und ganz beiläufig auch sehr vielschichtige Geschichte über junge Liebe und über das Erzählen.
Die Berlinale war in diesem Jahr besonders stark von politischen Debatten geprägt – bereits bei der Eröffnungsgala hatten viele Filmschaffende gegen Rechtsextremismus protestiert. Andere forderten ein Ende der Kämpfe in Gaza zwischen Israel und der Hamas. »Wir möchten, dass das Leid aller wahrgenommen wird, und mit unserem Programm verschiedene Perspektiven auf die Komplexität der Welt eröffnen«, erklärte die Berlinale-Führung um Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian im Vorfeld des Filmfestes.
Tricia Tuttle – Die neue Intendantin
Zwischen politischem Anspruch und Glamour auf der Suche nach einer neuen Identität hat die Berlinale unter ihrer neuen Intendantin an filmischem Niveau gewonnen und sich als Symbol einer globalen kulturellen Gemeinschaft bewährt. Die deutsche Politik sollte das erkennen und belohnen. Es gab wenige Misstöne, aber viel neue Impulse. Das lässt für die Zukunft hoffen. Wie sie sich fühle nach ihrer ersten Berlinale, wurde die Festivalintendantin Tricia Tuttle bei der Preisverleihung am Samstagabend gefragt. „Großartig. Erschöpft.“ Sie werde erst mal viel schlafen. Und das hat sich die 55-Jährige redlich verdient. Denn die neue Intendantin war wirklich überall, um Gesicht zu zeigen. Und brachte neuen Schwung und Elan in das Festival. Sie begnügte sich nicht mit der Rolle der Gastgeberin, die am Teppich die Filmemacher begrüßt. Sie hat auch, einmalig in der Festivalgeschichte, Pressekonferenzen selbst moderiert. Und auch hinter den Kulissen für gute Laune gesorgt. Kein Wunder, dass es bei den Dankesreden nicht nur „Danke, Berlinale“ sondern immer wieder „Danke, Tricia.“
Abgesehen von einem missratenen Eröffnungsfilm kann die neue Intedantin auf einen insgesamt gelungenen Einstand zurückblicken. Der Wettbewerb war solide, hatte zwar nur wenige wirklich herausragende Filme, aber eben auch kaum Totalausfälle. An Stars hat es nicht gemangelt – immer ein wichtiger Faktor für den Gesamterfolg des Festivals. Bildrechte: Tricia Tuttle_©Richard Hübner
Solidarität bei der Eröffnungsgala – Misstöne im Nachgang
Hatten bei der Preisverleihung 2024 noch mehrere Preisträger ihre Solidarität mit Palästina bekundet, ohne auf die Gräueltaten der Hamas einzugehen, wollte Tuttle es in diesem Jahr besser machen. Sie gedachte bei der Eröffnungsgala des israelischen Schauspielers David Cunio, der 2013 auf der Berlinale einen Film vorgestellt hatte und dann 2023 als Geisel genommen wurde. Im Vorjahr hatte man noch versäumt, an ihn zu erinnern, nun lief sogar ein Film über ihn: „A Letter to David“. Und auch die schottische Schauspielerin Tilda Swinton, die in diesem Jahr mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet wurde, hielt eine viel beachtete Rede an die Menschlichkeit. Unglücklicherweise bekundete sie nur eine Tag später einmal mehr ihre „große Bewunderung“ für den BDS, die in Deutschland als antisemitisch eingestufte Kampagne, die den Staat Israel isolieren will und auch zum Boykott gegen die Berlinale aufgerufen hat. Damit sorgte sie im Nachgang für Misstöne und hat der Berlinale einen „Bären-Dienst“ erwiesen. Doch Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle reagierte klug und besonnen, indem sie gleich ihr Bedauern über den Vorfall äußerte. Im vergangenen Jahr war die damalige Berlinale-Leitung noch für ihre Untätigkeit rund um den Eklat kritisiert worden.
Zahlen und Daten:
Sowohl bei den Fachbesucher*innen als auch beim Publikum war das Interesse am Programm der 75. Berlinale sehr beeindruckend: Rund 19.000 Fachbesucher*innen (inklusive Presse) kamen zum Festival. Rund 336.000 Tickets wurden an das Publikum verkauft und somit etwas mehr als im letzten Jahr.
Im Wettbewerb konkurrierten dabei 19 Filme aus 26 Ländern um den Goldenen und die Silbernen Bären, darunter ein Debütfilm und eine dokumentarische Form. Wegen der vielen Koproduktionen waren mehr Nationen am Wettbewerb beteiligt als Titel. 17 Filme wurden als Weltpremiere gezeigt. Dazu gab es weitere Produktionen in den Sektionen Berlinale Special, Perspectives, Panorama, Genration, Forum und Berlinale Classics zu sehen. Die neue Sektion Perspectives, in der 14 spannende Spielfilmdebüts ihre Premieren feierten, stellte den internationalen Filmnachwuchs ins Rampenlicht. Einige dieser Filme wurden bereits während der Berlinale international verkauft. In Summe wurden 243 Spiel- und Dokumentarfilme mit mehr als 1000 Vorführungen gezeigt. Mit 52 deutsch co-produzierten Beiträgen, war
auch der deutsche Film in diesem Jahr stark vertreten.
Die Mitglieder der Internationale Jury 2025:
Todd Haynes (USA) – Jurypräsident
Regisseurin und Drehbuchautor
Nabil Ayouch (Marokko / Frankreich)
Regisseur, Drehbuchautor und Produzent
Fan Bingbing (Volksrepublik China)
Schauspielerin
Bina Daigeler (Deutschland)
Kostümbildnerin (u.a. The Room Next Door, Mulan)
Rodrigo Moreno (Argentinien)
Regisseur und Produzent
Amy Nicholson (USA)
Filmkritikerin, Moderatorin
Maria Schrader (Deutschland)
Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin
Der Eröffnungsfilm !
DAS LICHT von Tom Tykwer: Im Berlinale-Eröffnungsfilm DAS LICHT begibt sich eine Berliner Familie mit ihrer syrischen Haushälterin auf eine Selbstwerdungsreise. Regisseur Tom Tykwer treibt seinen Drang zum Esoterischen auf die Spitze – und scheitert dramatisch.Tim Engels, seine Frau Milena, die Zwillinge Frieda und Jon sowie Milenas Sohn Dio sind eine moderne Familie, die in Berlin unter einem Dach lebt und dabei einen Lebensstil pflegt, der es den einzelnen Familienmitgliedern erlaubt, ihre Leben getrennt voneinander zu führen, selbst wenn sie sich durch die Gemeinschaftsräume ihrer Wohnung bewegen. Als die geheimnisvolle Farrah, die gerade aus Syrien nach Deutschland gekommen ist, als neue Haushälterin dazukommt, gerät dieses Gefüge in Bewegung. Verborgene Gefühle kommen zum Vorschein. Alle machen Erfahrungen, die ihren Blick aufs Leben auf unerwartete Weise verändern und erweitern. Alles passiert gleichzeitig – und alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Das erzählt schon der Einstieg in Tom Tykwers neuem Film, mit dem am vergangenen Donnerstag die 75. Berlinale eröffnet worden ist. Die Parallelmontage der langen, musikalisch untermalten Eröffnungssequenz zeigt die wohlstands-verwahrloste Familie Engels, die groß-kleinbürgerlich in einer geräumigen Altbauwohnung mitten in Berlin lebt. Die vier leben dort zusammen, aber vor allem aneinander vorbei – und Tykwer greift beim Skizzieren dieser vier Parallelwelten tief in die Klischeekiste. Tom Tykwer ist zurück – nach neun Jahren „Babylon Berlin“ geschuldeter Kinopause. Diese Wiederkehr wollte er mit einem allumfassenden Magnum Opus feiern. Das konnte weder die Kritiker und auch nicht die Kinobesucher überzeugen. Kein guter Start ins Festival.
DER GOLDENE BÄR:
DRØMMER – Dreams (Sex, Love) von Dag Johan Haugerud.
Die Berlinale-Jury unter Vorsitz des US-Regisseurs Todd vergab den Goldenen Bären an den norwegischen Wettbewerbsbeitrag DRØMMER – Dreams (Sex, Love) von Dag Johan Haugerud. Der Film schließt die Trilogie des norwegischen Regisseurs und Drehbuchautors über Liebe, Sex und Begehren ab. Im Drama geht es um eine 17-jährige Schülerin, die sich Hals über Kopf in ihre Lehrerin verliebt. Das hält sie alles in Tagebuchaufzeichnungen fest, die ihre Mutter und Großmutter entdecken. Das erste Entsetzen weicht ehrlichen Gesprächen der drei Frauen über Begehren, Liebe und Intimität.
Haugeruds Film ist eine vielschichtige und wunderbar selbstironische Kino-Parabel über Liebe und Erwachsenwerden, das alte Spiel zwischen den Generationen und den ewigen Konflikt zwischen Worten und Bildern. DRØMMER ist klug, überraschend, warm, witzig und gleichzeitig komplex und leichtfüßig. Ein spätes Highlight im Wettbewerb. „Letztlich, sagt Haugerud, geht es in allen drei Filmen der Trilogie um alle drei Dinge, die in den Filmtiteln benannt werden. Schließlich sind Sex, Liebe und Träume untrennbar miteinander verknüpft, sie bedingen, ergänzen und verkomplizieren einander. Die drei Filme funktionieren dann auch unabhängig voneinander, weil die Geschichten und Figuren sich nicht direkt aufeinander beziehen. Aber es ist ein besonderes Vergnügen, alle drei miteinander in Verbindung zu setzen.“
Der Berlinale Gewinner wird ab 08.05.2025 unter dem deutschen Titel OSLO STORIES: TRÄUME in den
deutschen Kinos zu sehen sein.
DER GROßE PREIS DER JURY:
O ULTIMO AZUL (The Blue Trail) von Gabriel Mascaro.
Tereza hat noch drei Jahre, glaubt sie. Die Brasilianerin ist 77 Jahre alt; mit 80 muss sie wie alle Altersgenossen in die „Kolonie“. Von der brasilianischen Regierung wird diese Internierung als sozialer Fortschritt verkauft, mit dem sichergestellt wird, dass die alten Herrschaften gut versorgt sind, ohne die „Produktivität“ jüngerer Familienmitglieder durch Betreuungsarbeit zu mindern. Aber Tereza hat wenig Lust auf das dubiose Senioren-Nirwana. Noch geht es ihr gut. Sie kann für sich selbst sorgen und braucht weder Windeln noch eine Gehhilfe und erst recht keine Unterstützung bei der Körperhygiene. Doch dann erfährt sie, dass die Regierung das Alter für die Abschiebung gerade um fünf Jahre gesenkt hat. Tereza ist plötzlich überfällig. Sie wird zum flüchtenden Outlaw und möchte sich noch einen lang gehegten Traum erfüllen – einmal in ein Flugzeug zu steigen und fortzufliegen.
Es ist eine perfide kleine Dystopie, die Gabriel Mascaro in „The Blue Trail“ entfaltet, ein Szenario, in dem der Bolsonaro-Neoliberalismus, der Brasilien zwischen 2018 und 2022 geprägt hat, eine konsequente Weiterführung erlebt. Widerstand regt sich offensichtlich kaum. Die Gesellschaft hält still. Polizei und Spitzel sorgen für den nötigen Druck. Die jüngere Generation scheint wie Terezas Tochter schlicht zu überarbeitet, um sich mit den Alten solidarisch zu erklären. Mascaro schickt seine Protagonistin auf eine Reise, bei der sie am Amazonas entlang viele Begegnungen macht. Das ursprüngliche Ziel, der Traum vom Fliegen, spielt dabei bald nur noch am Rande eine Rolle. Im Zentrum steht das Erleben der Landschaften, Orte und Menschen, was der Film und die Kamera von Guillermo Garza sinnlich und mit viel Lokalkolorit einfangen.
Einige Kritiker haben Mascaros Film den Vorwurf gemacht, sich etwas zu willig zusammen mit seiner großartigen Hauptdarstellerin Denise Weinberg auf und am Amazonas entlang treiben zu lassen und darüber seine gesellschaftskritische Schärfe einzubüßen. Doch eine stärkere Elendsmalerei, um die Bösartigkeit des neoliberalen Systems drastischer zu zeigen, hätte „The Blue Trail“ kaum zu einem originelleren Film gemacht. Die intensive poetische Beschwörung des In-der-Welt-Seins hinterlässt einen deutlich nachhaltigeren Eindruck. Ein verdienter Silberner Bär für ein weiteres Highlight des Wettbewerbs.
Der wichtigste Dokumentrafilm des Festivals !
STRICHKA CHASU (Timestamp) von Kateryna Gornostai.
Bildrechte: Timestamp_Solidarität mit der Ukraine_©Ali Gandtschi
Der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb, zeigt in beeindruckender Weise den leidenschaftlichen Einsatz und die Bemühungen von engagierten Lehrkräften den Schulbetrieb in der Ukraine während des russischen Angriffskriegs aufrecht zu erhalten. Gänzlich ohne Interviews und Erzählstimme schildert TIMESTAMP mit kommentarloser genauer Beobachtung die Bemühungen der Pädagog*innen mitten im Krieg für die Schülerschaft eine „Normalität“ zu schaffen, Wissen zu vermitteln und trotz der allgegenwärten Gefahr das Gefühl für Sicherheit und Geborgenheit für diese Kinder zu erzeugen. Zwischen März 2023 und Juni 2024 drehte Kateryna Gornostais in unterschiedlichen Regionen der Ukraine, vor allem jenen, die in relativer Nähe der Frontlinie liegen. Der Mosaikfilm erkundet, wie Schule in diesen schrecklichen Zeiten funktioniert – vor Ort und online, direkt an der Front und abseits des Kriegsgeschehens und zeigt wie durchsetzt der Alltag von der ständigen Gefahr ist.„Ihr habt praktisch eure ganze Schulzeit im Krieg verbracht“, sagt dann auch ein Soldat, der bei der Abschlussfeier einer Schulklasse spricht, die am Ende von Kateryna Gornostais eindrucksvollem Dokumentarfilm ihre Abiturzeugnisse überreicht bekommen. Ein Jahr lang beobachtete die Regisseurin den Versuch, das Schulsystem trotz ständigem Fliegeralarm und halb zerbombten Schulgebäuden am Laufen zu halten. Sie filmte Grundschüler*innen und Abiturklassen und formte das Material zu einem Dokument des Widerstandes der ukrainischen Zivilbevölkerung.
TIMESTAMP zeigt in seiner ruhigen, fast poetischen Beobachtung die Unvermeidlichkeit der Auswirkungen des Krieges auf die Psyche der Menschen, ohne sich in sentimentalen Momenten zu verlieren. Er bringt den Zuschauer:innen die Stärke der Menschen näher, die sich trotz Bedrohung und Verlust weigern, ihre Menschlichkeit aufzugeben und stolz darauf sind, ihre ukrainische Sprache und Kultur zu bewahren.Berührende und tief bewegende Bilder aus einem angegriffenen Land. Der „Goldene Bär“ für diesen großartigen Dokumentarfilm wäre ein nachhallendes politisches Statement des Festivals gewesen, gerade im Kontext des aktuellen Trumpschen Schulterschlusses mit dem russischen Agressor. Schade, dass die Jury diese Chance nicht genutzt hat.
Nach dem Balkonklatschen – Diesen Film sollte jede(r) sehen !
Bildrechte: Heldin_©Zodiac Pictures
HELDIN von Petra Volpe: Anderthalb Stunden aus dem Leben einer Krankenschwester: Der wohl beste Spielfilm der diesjährigen Berlinale setzt ein gesellschaftliches Statement ! Pflegefachkraft Floria arbeitet mit großer Leidenschaft und Professionalität in der Chirurgie eines Schweizer Krankenhauses. Bei ihr sitzt jeder Handgriff, sie hat selbst in stressigen Situationen immer ein offenes Ohr für ihre Patient*innen und ist im Notfall sofort zur Stelle – jedenfalls im Idealfall. In der harten Realität des oft kaum vorhersehbaren Alltags sieht es meist anders aus. Als Floria an diesem Tag ihre Spätschicht antritt, fällt auf der voll belegten, unterbesetzten Station eine Kollegin aus. Trotz aller Hektik umsorgt Floria eine schwer kranke Mutter und einen alten Mann, der dringend auf seine Diagnose wartet, ebenso fürsorglich und routiniert wie den Privatpatienten mit all seinen Extrawünschen. Aber dann unterläuft ihr ein verhängnisvoller Fehler und die Schicht droht völlig aus dem Ruder zu laufen.
Es ist der ganz normale Alltag, der ganz normale Wahnsinn einer ganz normalen Schicht in einem ganz normalen Krankenhaus in der Schweiz: Viele Patienten, die versorgt werden müssen, und nur zwei Pflegekräfte, die sich die Station untereinander aufgeteilt haben. Mit Applaus aus offenen Fenstern wurden Pflegekräfte während der Corona-Pandemie von der Bevölkerung gefeiert. Ihr Alltag sieht – auch abseits der Pandemie – weniger glamourös aus: Personalknappheit, Überlastung, schlechte Bezahlung.
In HELDIN dem neuen Film der Schweizerin Petra Volpe glänzt die überragende Leonie Benesch. Inzwischen ja weltbekannt durch DAS LEHRERZIMMER und SEPTEMBER 5. Sie trägt den ganzen atemlosen Film. Sie spielt die Krankenschwester Floria auf der chirurgischen Abteilung . Wir begleiten sie während einer unterbesetzten Spätschicht. Mit einer weiteren Kollegin muss sie sich um Schwerverletzte kümmern, um eine arroganten Privatpatienten, um besorgte Verwandte, um große Dramen und alltägliche Nöte. Sie spielt keine Heilige des Gesundheitswesens, sondern eine überaus engagierte überforderte und fehlbare Frau. Leonie Benesch setzt allen Heldinnen und Helden ein Denkmal, die im Patienten den leidenden Menschen sehen.
Am 27.02.2025 kommt HELDIN in die deutschen Kinos. Ein Film der jeden wachrütteln sollte, insbesondere die Politik !
Bildrechte: Heldin_©Ali Gandtschi
Großes Kino vom HEIMAT Regisseur !
LEIBNIZ – Chronik eines verschollenen Bildes von Edgar Reitz: Im Rahmen der Berlinale feierte der neue Film von Edgar Reitz eine umjubelte und sehr berührende Premiere. Im ausverkauften Haus der Berliner Festspiele gaben u. a. Henry Arnold, Marita Breuer, Kultusministerin Claudia Roth, Thomas Mauch und das Team und die Darsteller/innen des Filmes der Premiere einen würdigen Rahmen.
Königin Charlotte liebt den großen Aufklärer und Philosophen Leibniz, seit sie einst seine Schülerin war und die Wonnen des Denkens von ihm vermittelt bekam. Als Königin in Preußen sehnt sie sich nach seinen weisen Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Leibniz erfüllt ihr gern den Wunsch, ein Gemälde von sich anfertigen zu lassen, das ihn im Schloss Lietzenburg vertreten soll. Die Porträtsitzungen inszenieren Edgar Reitz und Co-Regisseur Anatol Schuster als leidenschaftliche Auseinandersetzungen zwischen Philosoph und Künstler über die Frage der Wahrheit im Bild. Kann das Geheimnis einer Person überhaupt abgebildet werden? Werden Bilder unmerklich manipuliert? Erst die niederländische Malerin Aaltje van der Meer vermag es, den Wahrheitssucher Leibniz durch ihre unbeirrbare Liebe zur Kunst herauszufordern und sein Herz zu öffnen. Als Königin Charlotte nach Hannover kommt, um ihren Gedankenfreund wiederzusehen und das Bild abzuholen, schlägt das Schicksal zu. Aaltjes Leibniz-Porträt, das ein Meisterwerk der Barockmalerei wurde, ist bis heute verschollen (Bildrechte: _Edgar Reitz_©Julia Stipsits)
„Ich habe mich mit Leibniz schon seit Jahrzehnten beschäftigt. Das war immer meine große Verehrung und Liebe was die Geistesgeschichte Europas angeht. Ich habe immer gedacht, so möchte ich sein“, sagte Edgar Reitz unlängst in einem aktuellen Radio Eins Interview.
Der inzwischen 92 jährige in Morbach im Hunsrück geborene HEIMAT Regisseur, der 2024 die Berlinale Kamera für sein Lebenswerk erhalten hatte, überrascht mit einem wunderbar originellen und dabei doch tiefsinnigen Philosophenfilm. Ein Film mit Humor und Tiefgang zugleich, der den hohen intellektuellen Anspruch der Darstellung eines Universalgenies in spielerischer Leichtigkeit, dramaturgischer Stringenz und poetischen Bildern erfüllt. Es gelingt dem Film dabei, sich Leibniz auf menschlicher Ebene anzunähern und seine Philosophie greifbar zu machen, ohne sie abstrakt zu erhöhen oder gar zu verklären. In einem herausragenden Schauspieler-Ensemble brilliert Edgar Selge in der Titelrolle mit einer wachen, aufmerksamen und neugierigen Darstellung des Universalgenies und ermöglicht dem Zuschauer so eine wunderbar leichte Annäherung. Ein Höhepunkt der diesjährigen Berlinale ! Im Herbst 2025 wird der Film in den deutschen Kinos zu sehen sein.
Berlinale Special Gala mit Starpower
LIKE A COMPLETE UNKNOWN von James Mangold: Timothée Chalamet hat gleich zu Beginn des Festivals seinen Dylan-Film „A Complete Unknown“ auf der Berlinale vorgestellt. Ein fesselndes Biopic über die Anfänge des Musikers – mit einer spektakulären Leistung des Hauptdarstellers.
New York, Anfang der 1960er-Jahre. Die Musikszene pulsiert und alles ist geprägt von einer immensen kulturellen Aufbruchstimmung. Ein geheimnisvoller 19-Jähriger aus Minnesota kommt mit seiner Gitarre und seinem außergewöhnlichen Talent ins West Village – und wird den Lauf der Geschichte der amerikanischen Musik grundlegend verändern. Während er auf seinem Weg zum Ruhm enge Freundschaften und Beziehungen aufbaut, ändert er auch seine Einstellung zur Folk-Bewegung, von der er sich nicht vereinnahmen lassen will. Er trifft eine provokante Entscheidung, die einen kulturellen Nachhall in der ganzen Welt auslöst. Timothée Chalamet spielt und singt die Rolle Bob Dylans in James Mangolds Like A Complete Unkown, der wahren und elektrisierenden Geschichte hinter dem Aufstieg des legendärsten Singer-Songwriters aller Zeiten.
(Bildrechte: Timothey Chalamet_ ©Alexander Janetzko) (Bildrechte: Timothey Chalamet_©Richard Hübner)
Jemanden zu imitieren, ohne ihn zu parodieren, ist keine leichte Aufgabe. Genau den Ton zu treffen, der die Zuhörer:innen verblüfft aufhorchen lässt, die imitierte Person aber nicht ins Lächerliche zieht. Umso verblüffender ist, was Timothée Chalamet hier gelingt. Er trifft den frühen Dylan-Ton haargenau, aber man hat nie das Gefühl, dass er Dylan der Lächerlichkeit preisgibt. Er versucht auch nicht, den Gesang auf den einzelnen Songs bis in jedes Detail zu kopieren, sondern mit dem gefundenen Dylan-Ton eignet er sie sich an und macht sie zu etwas eigenem. Timothée Chalamet dabei zuzuschauen, wie er sich den jungen Dylan einverleibt und ihn zu seiner eigenen Figur macht, ist ein Vergnügen. Er spielt hier ohne Zweifel die bisherige Rolle seines Lebens. Er wollte Dylan sein, darauf hat er sich 5 Jahre vorbereitet, wie er selbst bei der Pressekonferenz sagte. LIKE A COMPLETE UNKNOWN kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos (unbedingt in der Originalversion anschauen). Er wird das Publikum begeistern. Chapeau !
Glanz und Glamour:
Das Interesse des Publikums am Festival war auch in diesem Jahr ungebrochen. Geduldig standen die Besucher an, um ihre Lieblinge am Roten Teppich zu bejubeln. Zahlreiche Filmkünstler*innen aus aller Welt waren angereist und haben ihre Werke vorgestellt, darunter Tilda Swinton, Edward Berger, Tom Tykwer, Lars Eidinger, Vicky Krieps, Ethan Hawke, Robert Pattinson, Marion Cotillard, Benedict Cumberbatch, Jessica Chastain und nicht zuletzt Superstar Timothée Chalamet, der für seine Fans sprichwörtlich sein letztes Hemd gab und seinen rosa Kapuzenpulli an eine Verehrerin verschenkte.
Daneben wurde der Laufsteg aber auch für politische Botschaften genutzt. Die Berliner Schauspielerinnen Meret Becker und Anna Thalbach rollten ein Schriftband „Humanity for all“ aus. Christian Berkel, Andrea Sawatzki und Ulrich Matthes zeigten gemeinsam mit Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle Fotos des israelischen Schauspielers David Cunio, der von der Hamas als Geisel verschleppt wurde, mit der Aufschrift: „Bring David Cunio Home“. Bei der Premiere des Films „Heldin“, der die alltägliche Überlastung von Pflegekräften in Krankenhäusern zeigt, protestierten Pflegekräfte aus verschiedenen Krankenhäusern der Stadt gegen den Pflegenotstand.
Goldener Ehrenbär für Tilda Swinton !
Mit dem Goldenen Ehrenbären der 75. Internationalen Filmfestspiele Berlin für ihr Lebenswerk wurde die schottische Schauspielerin Tilda Swinton ausgezeichnet. Der Preis wurde gleich zu Beginn der Festspiele im Rahmen der Eröffnungsgala im Berlinale Palast am 13. Februar 2025 verliehen.
„Die Bandbreite von Tilda Swintons Werk ist atemberaubend. Sie bringt so viel Menschlichkeit, Mitgefühl, Intelligenz, Humor und Stil ins Kino und erweitert durch ihre Arbeit unsere Vorstellungen von der Welt. Tilda ist eines unserer modernen Filmidole und seit langem auch Teil der Berlinale-Familie. Wir freuen uns ganz besonders, Tilda Swinton den Goldenen Ehrenbären überreichen zu dürfen“, sagte Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle. (Bildrechte: Tilda Swinton_©Richard Hübner)
Dazu die Preisträgerin: „Die Berlinale ist das erste Filmfestival, das ich je besucht habe. Das war 1986 mit Derek Jarmans „Caravaggio“, meinem ersten Film überhaupt. Dies war mein Eintritt in die Welt, in der ich mein bisheriges Lebenswerk geschaffen habe – der Welt des internationalen Filmemachens. Ich habe nie vergessen, was ich ihr schulde. Nun auf diese Weise von diesem besonderen Festival geehrt zu werden, berührt mich zutiefst: Es ist mir ein Privileg und eine Freude, diesen inspirierenden Ort zu feiern, der immer wunderbare und anregende Begegnungen ermöglicht“.
Die oscarprämierte Schauspielerin ist seit vielen Jahren eng mit den Internationalen Filmfestspielen Berlin verbunden. 2009 war sie Präsidentin der Internationalen Jury und spielte in 26 Filmen des Festivalprogramms mit, darunter „Caravaggio“, der 1986 den Silbernen Bären auf der Berlinale gewann.
Neben Derek Jarman hat Tilda Swinton in der Folge kontinuierlich mit zahlreichen renommierten Regisseur*innen zusammengearbeitet, u.a. mit Sally Potter, Jim Jarmusch, Wes Anderson, David Fincher und Pedro Almodovar.
Ausblick:
Die neue Intendantin Tricia Tuttle kann auf einen insgesamt gelungenen Einstand zurückblicken. Als Tricia Tuttle 2024 an die Spitze der Berlinale gerufen wurde, sollte sie vor allem eins: Ein in die Krise geratenes Festival wieder nach vorn bringen: Gegenüber der Konkurrenz in Cannes und Venedig hatte die Berlinale an Bedeutung verloren. Auch seine alte Funktion, ein Scharnier zwischen Ost und West zu sein, hatte das Festival eingebüßt. Tuttle und ihrem Team ist es im ersten Jahr gelungen, dem Wettbewerb wieder ein Profil zu verleihen durch ein breites Spektrum an Genres und Erzählweisen, sowie
einer klugen Balance aus ersnten Themen, Weltkino und Starpower.
Auch wenn die Berlinale nicht aus dem hochkarätigen Fundus des Autorenkinos schöpft, so wie Cannes oder Venedig, kann sie selbstbewusst auf das diesjährige Festival zurückschauen. Wenn die Qualität der Filme stimmt, müssen es auch nicht die großen Namen sein, die nach Berlin kommen. Das treue Publikum wird es sicher honorieren und Tricia Tuttles ansteckender Optimismus könnte der Berlinale auch in den kommenden Jahren wieder neuen Schwung verleihen.
Alle Preise der Internationalen Jury im Überblick :
GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN FILM (an die Produzenten)
Drømmer (Dreams (Sex Love) von Dag Johan Haugerud
SILBERNER BÄR GROSSER PREIS DER JURY
O último azul (The Blue Trail) von Gabriel Mascaro
SILBERNER BÄR PREIS DER JURY
El mensaje (The Message I Die Nachricht) von Iván Fund
SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE
Huo Meng für Sheng xi zhi di (Living the Land)
SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE SCHAUSPIELERISCHE LEISTUNG IN EINER HAUPTROLLE
Rose Byrne in If I Had Legs I‘d Kick You von Mary Bronstein
SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE SCHAUSPIELERISCHE LEISTUNG IN EINER NEBENROLLE
Andrew Scott in Blue Moon von Richard Linklater
SILBENER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH
Radu Jude für Kontinental ’25 von Radu Jude
SILBERNER BÄR FÜR EINE HERAUSRAGENDE KÜNSTLERISCHE LEISTUNG
Das kreative Ensemble von La Tour de Glace (The Ice Tower)
von Lucile Hadžihalilović
Weitere Infos unter www.berlinale.de